
Bei meinen Spaziergängen rund um Wunstorf fiel mir die Streuobstwiese zwischen der alten Südaue und der Mühlenkampstraße auf. Sie schien in einen Dornröschenschlaf gefallen. Einst gut gepflegt und ertragreich, was sie nun etwas in die Jahre gekommen und von Misteln befallen.
Im Frühsommer 2023 haben wir, der Arbeitskreis Streuobst des Heimatvereins Wunstorf, mit der Arbeit in der Streuobstwiese begonnen, Bäume zählen und katalogisieren, das Gras mähen und abräumen und die Zukunft der Wiese planen.
Je länger wir dort tätig waren, Gespräch mit Anwohnern und Spaziergängern führten um so lauter wurden in mir die Fragen:
Wer hat das geplant?
Wer hat hier gearbeitet?
Was ist die Geschichte dieses Ortes?
Mit Unterstützung von Dieter Kohser und dem Buch „Landeskrankenhaus Wunstorf von der Korrektionsanstalt zum modernen Fachkrankenhaus (1880 – 2005)“ von Heiner Wittrock konnte ich die folgenden Informationen zusammenstellen.
Seit den 1920er Jahren folgte das LKH den neuesten, innovativen therapeutischen Prinzipien. In diesem Sinne und natürlich auch zur Selbstversorgung wurden landwirtschaftliche Flächen bewirtschaftet und erweitert. 1924 umfassten diese den Mönchhof, Küsters Hof, Landgut Lohnde und die Flächen Mühlenkamp und Pfingstanger. Letztere zum Aufbau einer Gärtnerei.
Seit 1924 gehörte das ca. 6,21 ha große Areal Mühlenkamp und Pfingstanger zum Landeskrankenhaus. 1927 wurde mit den Arbeiten zum Aufbau der Gärtnerei begonnen.
Neben der Versorgung des Landkrankenhauses mit Obst und Gemüse diente die Gärtnerei auch der Arbeitstherapie. Etwa 20 – 25 weibliche und männliche LangzeitpatientInnen bildeten den „Gärtnereitrupp“.
Zu den Bauten auf dem Gebiet der Gärtnerei gehörte neben dem Wohnhaus des Gärtnermeisters, ein Sozialtrakt mit Büro, Erste-Hilfe-Raum, Umkleide, Dusche und Toilette. Es gab eine Pflanzenausgabe und einen Maschinenraum für die Unterbringung, Pflege und Wartung der Fahrzeuge und Maschinen. Die Baumschule war in einer Schattenhalle untergebracht. 5 Gewächshäuser, ein Pumpenhaus und ein 300qm großer Betriebshof komplettierten die Gärtnerei.
Der größte Teil des Areals war der Obstplantage und den Gemüsefreilandflächen vorbehalten.
Auf der Fläche wurden erhebliche Erträge erwirtschaftet. Im Jahr 1970 waren das 62 t Gemüse und 6000 kg Obst. Neben Stein- und Kernobst wurde auch Beerenobst angebaut. Himbeeren, Johannisbeeren und Erdbeeren. Zur Erdbeersaison konnten bis zu 100 kg täglich geerntet werden.
Auch eine Imkerei fand Platz auf dem Gärtnereigelände.
Neben der Belieferung der Küche des Landeskrankenhauses mit Obst und Gemüse war die Gärtnerei auch für den Blumenschmuck auf den Stationen und in den Büros zuständig.
Das Personal der Gärtnerei setzte sich neben dem Gärtnermeister aus 4 Gärtnern, 4 Auszubildenden und 1 ungelernten Arbeiter zusammen. 2 der Azubis, damals wurden sie noch als Lehrlinge bezeichnet, wohnten unentgeltlich in den Zimmern der Gärtnerei.
Folgende Gärtnermeister waren für die Gärtnerei Mühlenkamp verantwortlich:
Ab 1938 Willi Thölke
Bis 1978 Wilfried Thelemann
Bodo Pförtner musste dann 1998 in die neue Gärtnerei „Im Gänsebruch“ umziehen
Neben den genannten Gärtnermeistern waren auch Willi Falk und Otto Cyrol wichtige Stützen der Gärtnerei.
1996 wurde aus dem Areal der Gärtnerei am Mühlenkamp Bauland. Für 5.302.000 DM kaufte es die Stadt Wunstorf vom Land Niedersachsen.
Auf dem neuen Gebiet für die Gärtnerei, „Am Gänsebruch“ lag bis dahin eine gepflegte und sehr beliebte Kleingartenkolonnie. Nur unter lauten Protesten der Kleingärtner und Umweltschützer konnte der Umzug vonstatten gehen. Für den Neuaufbau standen 2,0 Mio DM zur Verfügung. Bis heute ist dort auf 2 ha eine sehr schöne und beliebte Gärtnerei entstanden.
Die Obstbäume am Mühlenkamp sind heute alte, knorrige Veteranen. Noch immer liefern sie vielen Gästen, Spaziergängern und Anwohnern reichlich Stein- und Kernobst. Einige junge Bäume sind als Ergänzungen schon hinzu gekommen. In den nächsten Jahren werden, so fürchte ich, noch viele Obstbäume der Altersschwäche erliegen. Die durchschnittliche Lebensdauer eines Obstbaums (außerhalb von Plantagen) liegt bei 80 – 100 Jahren.
Gerne würden wir die Neuanpflanzungen im Sinne und der Anmutung der ursprünglichen Anlage vornehmen und so die Geschichte des Ortes, nicht konservieren, aber in die Zukunft führen. Vielleicht können, ganz im Sinne der ehemaligen Gärtner auch wieder Beerenbüsche auf den Flächen der alten Gärtnerei angebaut werden.


Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.